Flucht in die Zukunft
Die neue Jugendbewegung ist, in ihrem aktionistischen Teil, eine reaktionäre Weigerung, sich der Einsicht zu stellen, daß der beschleunigt ablaufende gesellschaftliche Gesamtprozess kein Subjekt hat, daß es keine individuelle oder kollektive Instanz gibt, die ihn im ganzen zu steuern vermöchte. Damit verbindet sich die Weigerung, es hinzunehmen, dass die Zukunft, in die man aufbricht, objektiv ungewisser als je zuvor ist.
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Die in ihren Motiven und Formen skizzierte Flucht in die Zukunft bedroht nicht nur die Flüchtigen selbst durch fortschreitenden Gegenwarts-, d.h. Wirklichkeitsverlust. Sie bedroht potentiell uns alle, und zwar im Extremfall durch die Folgen einer neuen Kultur der Gewalt, deren Pegel ja tatsächlich weltweit ansteigt. Das anthropologische Geheimnis des Terrors, die der Mensch gegen seinesgleichen übt, ist nämlich gerade nicht moralische Korruption, sondern der Glaube, dass die heile Welt notwendig und unabwendbar bevorsteht und nur noch ein letzter Feind vorhanden, der den Anbruch der heilen Welt gegenwärtig aufhält. In ihrer Flucht in die Zukunft kultiviert die neue Jugendbewegung genau diesen Glauben.
Hermann Lübbe, ›Flucht in die Zukunft‹ (1971)

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